Walter Boltz gilt als Experte im Energiesektor. Der ehemalige Vorstand der e-Control sieht eine Reihe von "Ungereimtheiten" in der Causa Wien Energie. Foto: Screenshot Zur-Sache/orf.tvthek.at

Walter Boltz war am Mittwochabend zu den Vorgängen bei der Wien Energie Livegast in der ZIB2. Er ist derzeit bei den Medien ein gefragter Mann. Der ehemalige Vorstand der e-Control leitete über 15 Jahre die Energieregulierungsbehörde der Republik. Zudem war er jahrelang Stellvertretender Vorsitzender des Regulierungsrates von ACER – Der Europäischen Agentur zur Zusammenarbeit der Energieregulatoren. Er kennt die Mechanismen der Energieversorgung am europäischen Markt im Detail und gilt als Energie-Experte. 

Laut Boltz habe die Wien Energie „offensichtlich zu große Volumina gehandelt, die sie mit ihren vorhandenen Finanzmitteln nicht absichern konnte“ und habe „das Risiko nicht im Griff“. Andere Energieunternehmen hätten ihre Aktivitäten an den Börsen „drastisch zurückgefahren“.

 

„Preise nicht Ad-hoc gestiegen“

Die Aktivitäten am Strommarkt zurückzufahren wären laut Boltz möglich gewesen. Für den Stromkauf „hätte sich durchaus jemand gefunden“. Die Preise seien auch nicht „Ad-hoc innerhalb eines Tages um einen Faktor 10 gestiegen“, erklärt der Energie-Experte im Interview mit Armin Wolf. Diese seien seit März laufend gestiegen. „Normalerweise müsste das Risiko-Management in einer Frühphase sagen, wenn sich die Preise so weiterentwickeln, kann sich das nicht mehr ausgehen bei uns. Wir müssen das Geschäftsvolumen zurückfahren. Im März, April wäre das noch mit ein paar relativ kleinen Finanzaufwendungen möglich gewesen“, erklärt Boltz, wie die Wien Energie die Notlage hätte verhindern können.

 

Risiko-Management im Fokus

In Kritik geraten dabei ist in den vergangenen Tagen das Risiko-Management der Wien Energie. Boltz erklärte, dass jedes Unternehmen in der Größe der Wien Energie ein Risiko-Management habe. Einzige Aufgabe des Risiko-Managements sei es, laufend das Risiko zu bewerten und sowohl das Management als auch den Aufsichtsrat darüber zu informieren, wenn gewisse Risikogrenzen, die vom Unternehmen festgelegt werden, überschritten werden. „Das ist anscheinend bei den Wienern nicht geschehen“, analysiert Boltz.

 

Markt ist nicht das Problem

Die Stadt Wien und die Wien Energie begründen die Situation seit Tagen mit den schwankenden Preisen am Strommarkt. Boltz widerspricht dem und sieht in den Vorgängen bei der Wien Energie nicht den Markt für die wirtschaftliche Notlage verantwortlich. „Wenn das Problem vom Markt käme, dann hätten wir mindestens zehn andere Unternehmen im deutschsprachigen Raum mit ähnlichen Problemen, die haben wir nicht. Ich bin überzeugt, mit einem vernünftigen Risiko-Management hätte man die Volumina rechtzeitig zurückfahren können, sodass die finanziellen Verpflichtungen für die Wien Energie selbst zu managen gewesen wären, ohne die Hilfe des Bundes“, so der ehemalige e-Control Chef in der ZIB2.

 

Große Volumina und lange Laufzeiten als Problem

„Seltsam“ findet Boltz die große Volumina und langen Zeitperioden der Gas- und Stromgeschäfte der Wien Energie. „Viele andere Unternehmen machen das vielleicht ein Jahr oder eineinhalb Jahre. Die Wien Energie dürfte das deutlich länger gemacht haben. Also es gibt schon Ungereimtheiten“, so Boltz weiter.

 

„Natürlich ist etwas schiefgegangen“

Dass sich der Vorstand der Wien Energie bis dato noch nicht erklärt hat, kann Boltz nicht verstehen. „Natürlich ist etwas schiefgegangen, weil jeder Manager hat die primäre Pflicht, nie eine Verpflichtung einzugehen, die die Finanzkraft des Unternehmens übersteigt. Das ist so das 1 mal 1 des Managements. Und diese Vorgabe scheint offensichtlich nicht eingehalten worden zu sein. Und natürlich stellt sich die Frage: Warum ist das so? Wer hat welche Fehlentscheidung getroffen? Wer trägt die Verantwortung?“

 

Risiko bei anderen Energieunternehmen geringer

Bisher weniger bekannt war ein Detail, das Boltz im Interview näher erklärte: So sei das Risiko bei anderen heimischen Energieunternehmen viel geringer, da diese Strom und Gas nicht von der Strombörse beziehen, sondern den Zukauf in Form von bilateralen Lieferverträgen betreiben. „Die Meisten kaufen und verkaufen eher so 5-10 Prozent über die Börse, wodurch natürlich das Risiko viel geringer ist“.