News
Künstliche Intelligenz – Fortschritt und Souveränität
Wie soll man der Künstlichen Intelligenz begegnen? Diese Frage beschäftigt die Politik, insbesondere die Bildungspolitik zurecht. Ist doch die Künstliche Intelligenz der epochale Fortschritt unserer Zeit, werden doch alle Lebensbereiche von ihr durchdrungen. Mit Souveränität, antwortet ÖVP-Wissenschaftssprecher Rudolf Taschner. Und er erklärt klar, konzise und verständlich, warum das die richtige Antwort ist.
Ein Fortschritt
Es sei vorausgeschickt: der Autor dieser Zeilen ist kein Experte im Gebiet der sogenannten Künstlichen Intelligenz, besser: der Artifiziellen Intelligenz, abgekürzt: AI. Er schreibt vielmehr als ein mit Wissenschaftspolitik befasster, mathematisch gebildeter Gelehrter. Und um es gleich vorwegzunehmen: Inhalt der nachfolgenden Zeilen ist, die AI als einen gesellschafts- und wirtschaftspolitisch bedeutsamen Fortschritt anzuerkennen, vielleicht als den bedeutendsten Fortschritt in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, ohne dabei Nestroys treffendes Wort zu vergessen: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Der Gelehrte Rudolf Taschner: Abgeordneter und Wissenschaftssprecher der ÖVP. Foto: A. Rastegar
Es sind Ketten von Zeichen
Der von der AI entfesselte Zauber verhüllt nämlich eine Tatsache, derer man sich stets bewusst sein soll: In den Geräten, die Intelligenz vortäuschen, verbergen sich Zeichenketten, in denen die Symbole O für Null und I für Eins irgendwie aufeinanderfolgen. Die Liste
I,
IO, II,
IOO, IOI, IIO, III,
IOOO, IOOI, IOIO, IOII, IIOO, IIOI, IIIO, IIII,
…
welche die Zahlen
1,
2, 3,
4, 5, 6, 7,
8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15,
…
symbolisiert, ist ein Beispiel hierfür.
Simulierte Intelligenz
Das ist alles. Nicht mehr. Nichts außer diesen O-I-Ketten ist in der AI echt. Alles aus ihnen Gebildete, und das ist neben den Zahlen erstaunlich viel, ist Simulation. Darum ist das Wort „Künstliche Intelligenz“ falsch. „Artifizielle Intelligenz“ ist besser, und „Simulierte Intelligenz“ wäre der richtige Begriff. Das elektronische Gerät ist genauso wenig intelligent, wie es ein Lichtschalter ist. Es ist nichts anderes als eine geist- und seelenlose Illusionsmaschine.
Wirkmächtige Illussionsmaschine
Aber diese Illusionsmaschine ist ungeheuer wirkmächtig. Nichts vor ihr Erfundenes lässt sich mit ihr vergleichen. ChatGPT und andere Dialogsysteme, sogenannte Chatbots, simulieren nahezu vollkommen menschliche Kommunikation und präsentieren die Illusionsmaschine als einfühlsames Gegenüber mit enzyklopädischem Wissen.
Büroarbeit, vor allem jene, bei der es sich vornehmlich um Routine handelt, kann von ihr übernommen werden. In Fahrzeuge eingebaut, ermöglicht sie autonomes Fahren. Mit entsprechenden mechanischen, thermischen, chemischen oder elektrischen Geräten verknüpft, verwandelt sie diese zu Automaten, die Dienstleistungen erbringen oder Güter herstellen, und all dies weitaus vielfältiger und wirksamer, als man es sich bei den derzeit gängigen Maschinen vorstellen mag. Der humanoide Roboter ist hierfür das Sinnbild.
Werden Menschen arbeitslos?
In welchem Ausmaß menschliche Arbeitskraft auf die AI übertragen wird, ist nicht leicht vorherzusagen. Schier Unglaubliches wird zuweilen versprochen. Bedenkenträger stellen die Frage: Wird es noch Lastwagenfahrer, Lokomotivführer, Taxichauffeure, Piloten geben, werden Friseure, Chirurgen, Installateure, Tischler arbeitslos? Und da die Illusionsmaschine scheinbar allen Lebenslagen gewachsen ist, macht diese Frage weder vor den Anwälten, Richtern und Notaren, noch vor den Kindergärtnern, Lehrern und Trainern, noch vor den Verkäufern, Gastwirten, Hoteliers, noch vor den Managern, Börsenmaklern, Steuerberatern, sie macht scheinbar vor keinem Berufsstand – egal ob noch jetzt oder in früheren Zeiten von Mann oder Frau ausgeübt – halt.
Scheinbar wird der Mensch als homo faber, als ein schaffendes Wesen, überflüssig.
Tatsächlich aber ist dies nicht der Fall. In den folgenden Zeilen wird dafür ein Beweis skizziert:
Die Arbeitsschritte
Ausgangspunkt ist, dass eine digitale Maschine als elementaren Arbeitsschritt in der Produktion einer Zeichenkette an eine bestimmte Stelle dieser Kette entweder O oder I setzt. Aus solchen Zeichensetzungen besteht ihre einzige Leistung. Wie gelangt sie zur Entscheidung, an einer Stelle O oder I zu schreiben?
Vorgegebenes Rechensystem
In der sogenannten „symbolischen AI“ ist es ein vorgegebenes Rechenverfahren, ein sogenannter Algorithmus, der die Maschine zu diesen Entscheidungen nötigt. Selbst wenn ein riesiges System von Algorithmen in die Maschine programmiert wurde, läuft diese nur dann, wenn allein auf diese Algorithmen zugeschnittene Vorgaben in die Maschine einfließen. Dies erlaubt den Einsatz solcher Maschinen für unflexible Arbeitsabläufe. Ihre Starre veranlasst noch nicht zur Besorgnis, menschliche Arbeit könne von ihnen vollwertig ersetzt werden.
Fülle von Datensätzen
In der sogenannten „subsymbolischen“ oder „statistischen AI“ zieht die Maschine eine ungeheure Fülle von Datensätzen heran, deren Muster sie mit jenen ihrer Eingaben in einer alle Vorstellungskraft übersteigenden rasanten Geschwindigkeit vergleicht und durch Berechnung eines Mittelwertes – ich vereinfache hier sehr stark, aber das Wesentliche ist getroffen – die Entscheidung fällt, entweder O oder I an die bestimmte Stelle der Zeichenkette zu setzen.
Wie die Maschine lernt
Ein simples Beispiel verdeutlicht diese Methode: Anhand von Tausenden und Abertausenden Bildern von Äpfeln und Birnen, die in die Maschine als Datensätze eingespeist werden, „trainiert“ man das Gerät, auf die Bilder richtig mit der Antwort „Apfel“ oder „Birne“ zu reagieren. Auf diese Weise „lernt“ die Maschine das Bild des „typischen“ Apfels und das der „typischen“ Birne. Sie hat sich, abstrakt gesprochen, die Berechnung eines Mittelwerts der Früchte, die Äpfeln gleichen, und der Früchte, die Birnen gleichen, angeeignet. Zeigt man ihr danach irgendein Stillleben, wird sie in dem Bild mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Äpfel und Birnen darin „erkennen“ und „unterscheiden“ können.
Mensch lernt schnell
Dies klingt so, als ob die subsymbolische AI den menschlichen Lernvorgang ins Elektronische überträgt. Das ist aber ganz bestimmt nicht der Fall. Schon nach wenigen Beispielen hat ein kleines Kind begriffen, was einen Apfel von einer Birne unterscheidet. Es braucht dazu keine Myriade von Bildern. Warum das Kind das kann, ja was überhaupt Wahrnehmung ermöglicht, wissen wir nicht und werden wir wohl nie verstehen. Wahrnehmung wahrzunehmen ist offenkundig ein unauflösbarer Zirkel. Sicher aber kann man Wahrnehmen nicht mit Nullen und Einsen erklären.
Hoher Verbrauch an elektrischer Energie
Die subsymbolische AI schöpft aus unermesslich vielen Datensätzen. Darum benötigen die zugehörigen AI-Fabriken, auf mehrere Quadratkilometer großen Flächen errichtet, Unmengen an Daten und zur Durchforstung dieser Daten gigantisch viel elektrische Energie. Und all dies, um zum Beispiel von ChatGPT zu erfahren, was ich mir als Speise zubereiten soll, nachdem ich ein Foto vom Inneren meines Kühlschranks in die AI-Maschine gescannt habe.
AI berechnet Mittelwert
Überraschende Menüvorschläge darf ich nicht erhoffen. Denn die AI berechnet einen Mittelwert aus einer unabsehbaren Fülle von Angeboten. Und dabei wird wohl nicht das Außergewöhnliche, sondern das Durchschnittliche – nicht übel, aber auch nicht berauschend – zu erwarten sein.
Dieses Beispiel steht modellhaft für die gesamte AI: Die Vorschläge und die Entscheidungen, die sie trifft, beruhen auf Berechnungen eines Durchschnitts der ihr verfügbaren Daten. Man darf von ihr erwarten, dass sie das Wahrscheinlichste wählt. Und sie wird damit in der überbordenden Mehrzahl aller Fälle einen guten Vorschlag abgeben, eine gute Entscheidung fällen.
Zuweilen aber ist das Bessere des Guten Feind.
Überraschendes wird nicht geboten
Es war der Wirtschaftswissenschafter Frank Knight, der vor mehr als hundert Jahren die Unterscheidung zwischen dem erwartbaren und dem völlig überraschenden künftigen Ereignis traf. Der Ökonom Knight war überzeugt, dass die Funktion der unternehmerischen Persönlichkeit darin besteht, dem völlig Überraschenden gewachsen zu sein und nicht berechenbare Unsicherheiten einzugehen. Doch auch abseits von der Ökonomie verleiht genau dies dem menschlichen Dasein den besonderen Reiz: Dass es etwas jenseits des Horizonts der mit Wahrscheinlichkeiten bemessenen Welt gibt. Eben damit kann die AI nicht rechnen. Aber gerade das kann jenseits vom Guten das Bessere sein.
Unerwartetes kann eintreten
Im schönen Buch „Zufall, Glück und Chaos“ erzählt der Mathematiker Ivar Ekeland von zwei nordischen Königen, die um ein Stück Land stritten. Klug, wie sie waren, wollten sie keinen Krieg führen. Sie vereinbarten, dass der Wurf zweier Würfel die Entscheidung herbeiführt: Das Land bekommt, wer die höhere Augenzahlensumme wirft.
Der schwedische König würfelte zuerst und erhielt zwei Sechsen. Siegesgewiss meinte er, der König von Norwegen brauche gar nicht zu den spröden Knochenwürfeln zu greifen. Der aber sagte, während er die Würfel in seiner Hand schüttelte: „Es sind immer noch zwei Sechsen auf den Würfeln, und für Gott, meinen Herrn, ist es eine Kleinigkeit, sie nach oben zu bringen.“ Da geschah das Unerwartete: Der eine Würfel zeigte sechs, der andere aber brach entzwei, das eine Bruchstück zeigte sechs, das andere eins, insgesamt sieben.
Unberechenbare Unsicherheiten
Die AI ist solchen unberechenbaren Unsicherheiten gegenüber nicht gewachsen. Der Mensch hingegen schon. Und es stimmt nicht, dass es sich hierbei um besonders seltene, vernachlässigbare Sonderfälle handelte. Schon wenn ich mich entschließe, nach meinem Blick in den Kühlschrank und meiner Anfrage bei ChatGPT dessen Menüvorschläge nicht einmal abzuwarten und gleich ins Gasthaus zu gehen, habe ich die AI übertölpelt.
Neues schafft nur der Mensch
Was Knight von der unternehmerischen Persönlichkeit erwartete, gilt genauso für Handwerker, die sich von den Wünschen der Kundschaft bis hin zu den Eigenheiten des gerade zu bearbeitenden Werkstücks überraschen lassen. Es gilt ebenso für andere Produzenten oder Dienstleister, für die meisten Berufe, für Künstler, Frauen wie Männer, im Besonderen. Selbstverständlich gelingt es der AI, eine Klaviersonate im Stile Schuberts zu komponieren oder ein Sonett im Stile Rilkes zu dichten. Aber das ist keine Kunst, sondern enttäuschend öde. Schubert und Rilke schufen buchstäblich Unerhörtes, die AI aber kann nur aus dem schon Gehörten schöpfen. „Wer zum ersten Mal“, soll Karl Kraus gehöhnt haben, „Herz auf Schmerz reimte, war ein Genie, schon wer es als Zweiter tat, ein Trottel.“ Damit ist über das geistige Niveau der AI alles gesagt.
Mensch als kreatives Wesen kann nicht ersetzt werden
Damit ist zugleich der Nachweis geführt, dass der Mensch als kreatives Wesen nicht von der AI ersetzt werden kann. Würden alle Tätigkeiten auf Erden von der AI übernommen werden – undenkbar ist die Schreckensvision nicht, dass sich die Menschheit der AI mit Haut und Haar ausliefert und auf diese Weise untergeht -, wäre der Fortschritt, den die AI bildet, der letzte seiner Art. Denn Fortschritt erfordert den Schritt fort vom bloß Erwartbaren hin zum völlig Überraschenden. Und diesen Schritt setzt eine AI, die sich bloß an bereits vorhandenen Daten orientiert, sicher nicht.
Folgerungen für die Bildungspolitik
Das Wichtigste zum Schluss: Aus den hier geführten Erörterungen ergeben sich außerordentlich weitreichende Folgerungen für die Bildungspolitik. Vor allem sei vor einer naheliegenden, gefährlich verlockenden, aber höchst fatalen Fehleinschätzung gewarnt: Das oben Erörterte könnte zur Ansicht verleiten, man brauche die eingespielten Fertigkeiten und das seit Jahrhunderten angehäufte Wissen überhaupt nicht mehr zu lernen, denn bei all dem übertrumpfe einen die AI mit Siebenmeilenstiefeln. Ähnlich wie ein simpler Taschenrechner jedem, der mit Bleistift und Papier oder gar nur im Kopf rechnet, bei Weitem überlegen ist. Man könne sich, so der Trugschluss, gleichsam auf die faule Haut legen und die AI werken lassen. Nur wenn Überraschendes auf einen zukäme, sei man gefordert. Tatsächlich wäre man dann aber dem Überraschenden heillos ausgeliefert und genauso hilflos, wie es die AI mit Sicherheit auch ist.
Grundlagen sind und bleiben notwendig
An einem Beispiel aus der Mathematik illustriert: Nur wenn man wie seit eh und je die Grundrechnungsarten lernt, das Ein-mal-Eins beherrscht und, in einem fortgeschrittenen Stadium, auch begriffen hat, dass zwei negative Zahlen miteinander multipliziert eine positive ergeben – getreu dem Merkspruch „minus mal minus ist plus“ -, nur dann ist man verwundert, ja geradezu bass erstaunt, dass es eine Rechengröße gibt, die mit sich multipliziert den negativen Wert minus Eins hervorbringt. Hätten nicht menschliche Genies, genauer: Mathematiker der Renaissance, diese unerhörte Erfindung in die Welt gesetzt, keine AI wäre auf diese Idee gekommen. Aber nur Menschen, die mit ihrem Kopf und, gleichsam als Verlängerung ihres Kopfes, mit Bleistift und Papier zu rechnen gelernt haben, wissen diese Erfindung zu schätzen.
Was mit dem eigenen Kopf zu lernen ist
Was für die Mathematik gilt, stimmt für alles Wissen und für alle Fertigkeiten, die man in der Schule und in Ausbildungsstätten lernen muss: Einerseits die mit dem Wissen und den Fertigkeiten verbundenen Routinen in ihren einfachsten Formen zu üben und grundsätzlich zu verstehen. Andererseits mit dem Wissen und den Fertigkeiten für das schlechthin Überraschende gerüstet zu sein. All dies lernt man mit dem eigenen Kopf, den eigenen Fingern, dem eigenen Herzen – oder man lernt es gar nicht.
Was Fortschritt und Souveränität bedeuten
Fortschritt und Souveränität sind hierbei die Schlüsselbegriffe: Fortschritt bedeutet, die Ödnis der Routinen an Maschinen, an die AI im Besonderen, auslagern zu können. Souveränität bedeutet, die Maschinen, die AI im Besonderen, stets als Werkzeug zu verstehen, das es zu beherrschen gilt und das man, weil man von ihm nicht abhängig ist, wann immer man möchte, weglegen kann.
Lesen Sie dazu das Essay von Rudolf Taschner:
Was kann und was soll künstliche Intelligenz?





