Das EU will Biomasse von der Liste der nachhaltigen primären Energieträger streichen. Das ruft Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig auf den Plan. Foto: IMAGO / Stefan Rotter

Österreich droht auf dem Weg zur Energieunabhängigkeit ein Rückschlag aus Brüssel. Während noch im Juni der Europäische Rat eine Position beschloss, die den Ausbau aller erneuerbaren Energieträger weiterhin ermöglicht und fördert, schlägt nun das EU-Parlament einen völlig anderen Weg ein. So hat das Europäische Parlament am Donnerstag seine Verhandlungsposition festgelegt, die den Stopp des Ausbaus nachhaltiger Primär-Biomasse vorsieht. Darauf reagiert nun Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig mit heftiger Kritik und macht mobil.

 

Totschnig: „Nicht nachvollziehbar, unvernünftig, weltfremd“

Für den österreichischen Landwirtschaftsminister ist der eingeschlagene Weg des EU-Parlaments nicht nachvollziehbar. Besonders Österreich würde einen massiven Nachteil daraus ziehen. „Ich vertrete eine klare Haltung zur aktiven Waldbewirtschaftung und Nutzung von Waldbiomasse als nachhaltige Alternative zu fossilen Brennstoffen. Einige Vorschläge, die aktuell in Brüssel diskutiert werden, sind in meinen Augen praxis- und weltfremd. Alles, was den Ausbau von Biomasse konterkariert oder gar zu einer Verringerung regional verfügbarer erneuerbarer Energieträger führt, ist in Zeiten der Energiekrise nicht nachvollziehbar und unvernünftig. Es ist geradezu eine Frage der strategischen Autonomie der EU insgesamt“, so der Landwirtschaftsminister.

 

Über die Biomasse:

Die Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz und Biomasse ist das beste Beispiel für regional erneuerbare Energie. In Österreich basiert mehr als die Hälfte des Bruttoinlandverbrauchs an erneuerbarer Energie auf der nachhaltigen Nutzung von Biomasse. Ein Wegbrechen dieses Energieträgers würde die Energiewende verunmöglichen fossile Abhängigkeiten weiter befeuern. Biomasse ist als erneuerbarer Energieträger regional verfügbar, krisensicher und mit kurzen Transportwegen absetzbar, wie das Ministerium mitteilte.

Neben Wind, Sonne und Wasserkraft trägt Biomasse dazu bei, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Tatsache ist auch, dass ein Wald, der aktiv bewirtschaftet wird, mehr CO2 bindet, als ein Wald, der nicht bewirtschaftet wird. Die aktive Waldbewirtschaftung ist unser Erfolgsrezept. In Österreich wächst der Wald täglich um sechs Hektar. Es wächst mehr Holz nach, als entnommen wird. Auch Waldfläche und Vorrat in der EU nehmen zu – seit 1990 um 14 Millionen Hektar.

 

Minister sieht Erreichen der Klimaziele in Gefahr

„Den nachwachsenden Rohstoff Holz und die Biomasse nicht mehr als erneuerbare Energiequelle zu nutzen, aber stattdessen Kohlekraftwerke zu aktivieren, passt nicht zusammen. Gerade jetzt, wo wir dringend von fossilen Importen unabhängiger werden müssen, ist das eine Frage der strategischen Autonomie der Europäischen Union insgesamt. Eine Einschränkung der Biomasse wäre ein absolutes falsches Signal und fatal für die Energiewende. Ohne Waldbiomasse werden wir in Europa die Energie- und Klimaziele nicht erreichen“, legt Totschnig nach und kündigt an, dieses Thema noch diese Woche beim Treffen seiner EU-Minister-Kollegen anzusprechen.

„Die weiteren Verhandlungen werden zu nützen sein, um eine vernünftige Rechtsgrundlage zu schaffen, die der Erreichung der Klimaziele und der nachhaltigen Waldbewirtschaftung Rechnung trägt. Dafür werde ich mich in Abstimmung mit der zuständigen Klimaschutzministerin Gewessler intensiv einsetzen. Zudem werde ich gleich übermorgen bei der informellen Tagung des Landwirtschaftsrates insbesondere auf die Forstminister zugehen und die besorgniserregenden Entwicklungen diskutieren.“